I. AUFZUG
I. Bild: Morgens

In der Mitte der Bühne, vorn, dem Zuschauerraum zugewendet, Mama am Tisch mit Fleischwolf, daneben Teig und Nudelwalker. Mama dreht mühsam den Fleischwolf.

MAMA: (singt) Leer ist der Käfig … die Vögel sind fort
sind weggeflogen … an fremden Ort …
ich weine hier und wäre gerne dort …
weg sind die Vögel, leer ist der Hort …
(besinnt sich) Schwer ist das Ding. Das Messer muss ich auch bald wieder schleifen.
Ich als Frau … immer dasselbe
(singt) Leer ist der Käfig … die Vögel sind fort
sind weggeflogen … an fremden Ort …
ich weine hier und wäre gerne dort …
weg sind die Vögel, leer ist der Hort …

Inzwischen ist Mama mit dem Fleischdurchdrehen fertig, sie walkt nun den Teig aus. Sie streicht das durchgedrehte Fleisch auf den Teig, rollt ihn zusammen und walkt ihn wieder aus.
Mama wird von ihrem eigenen Lied zusehends immer trauriger. Zwischendurch dreht sie sich immer wie-der um, als ob sie etwas aus der Richtung des einen Bettes erwarten würde. Auf diesem Bett türmen sich Decken, sonst ist nichts zu sehen.
Sie wiederholt ihr trauriges Lied offenbar in der Erwartung einer Reaktion und ist zuerst enttäuscht, dann verärgert, als diese nicht kommt, obwohl sie mit dem Teig inzwischen fast fertig geworden ist.
Endlich kommt ein leises Schluchzen aus dem Deckenwulst.

BLASIUS: (kaum hörbar) Brüh-hü-hü-hü-hü

Mama schaut triumphierend, macht die letzten Bewegungen noch am Teig.

MAMA (zufrieden, für Blasius unhörbar) Nna also.

Sie setzt noch einmal zum Lied an, um das Schluchzen des Sohnes zu steigern.

MAMA: Leer ist der Käfig … die Vögel sind fort

BLASIUS: (laut, aber mit Kinderstimme) Aufhören, Mama, aufhören!
Die Vögel sind doch gar nicht fort! Ich bin doch hier! Blasius ist hier! Nicht an einem fremden Ort! Ich habe doch nie … Mama verlassen!!!

Mama setzt sich zu ihm an den Bettrand. Sie tut so, als ob sie nicht wüsste, warum Blasius weint.

MAMA: Blasius, Bub! Was ist in dich gefahren! Was ist mit dir los, altes Schweindi! Hörst du sofort auf! Deine Mama so erschrecken! Um zehn Uhr noch im Bett und das Greinen dazu! Der Fleischwolf ist auch hin. Du musst mir das Messer schleifen. Ich als Frau kann nicht alles allein schaffen.

Mama will Blasius aus dem Bett ziehen. Der aber weint noch immer, außerdem will er nicht aus der wei-chen Wärme. Mama sucht seine Socken auf dem Boden zusammen und zieht sie ihm im Bett an, wobei Blasius wie ein Kleinkind herumstrampelt.

BLASIUS: (sich langsam beruhigend, schmeichelnd)
Eine Minute noch! Nur noch eine einzige Minute!

MAMA: Komm, altes Schweindi, Mama muss in die Klinik!

BLASIUS: Grunzelbärli Morgendschweindi!

MAMA: Jawohl! Du bist mein Grunzelbärli Morgenschweindi, und jetzt kriechst du aus dem Bett, sonst können wir nicht mehr frühstücken, bevor Mama in die Klinik muss.

Sie zieht Blasius die Decke weg. Blasius setzt sich im Bett auf. Jetzt erst sieht man ihn. Er ist ein Mann unbestimmten Alters, mit Stoppelbart und beginnender Glatze.

MAMA: Ich mache jetzt das Frühstück. Inzwischen könntest du deinen Vögeln guten Morgen sagen.

Mama ab. Nach einer Weile klettert Blasius aus dem Bett. Er nimmt von seinen Käfigen eins nach dem anderen das Abdecktuch herunter. Er redet zu den einzelnen Vögeln in einem sehr intimen Flüsterton, wie: "Guten Morgen, Kunigunde. Guten Morgen, Isenbart" etc. Dies ist eine pantomimische Solonummer von Blasius mit nur ganz sparsamer, angedeuteter Sprache, die auch durch leises Pfeifen oder andere Vorgel-laute – von ihm imitiert – bereichert wird.
Die Vögel allerdings erwidern kaum seine Begrüßungen. Man hört nur einige armselige Piepser.
Blasius ist während der ganzen Begrüßungsszene sehr ängstlich. Wahrscheinlich fürchtet er Mama, wenn er auf laute Begrüßungsworte keine Antwort von den Vögeln bekäme. So ist er lieber selbst kaum zu hören.
Über dieser Szene liegt eine gewisse geheimnisvolle Beklommenheit.